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    Home»Investing»André Kostolany im Porträt: Der Mann mit dem Hund
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    André Kostolany im Porträt: Der Mann mit dem Hund

    October 17, 202612 Mins Read


    Vier Jahrzehnte lang erklärte ein Ungar den Deutschen die Börse: in 414 Kolumnen der Zeitschrift Capital, in 13 Büchern, in über hundert Seminaren und zuletzt in Talkshows, mit Akzent, Anekdoten und einem Repertoire an Sprüchen, das bis heute zitiert wird. André Kostolany hat mehr deutsche Anleger geprägt als jeder Fondsmanager des Landes. Und er hinterließ etwas Ungewöhnliches: keine prüfbare Bilanz. Kostolany verwaltete nie einen Fonds, dessen Rendite sich messen ließe. Seine Trades kennt die Nachwelt aus seinen eigenen Erzählungen.

    Prüfen lassen sich seine Denkmodelle. Drei davon haben die Zeit überdauert: das Bild vom Mann mit dem Hund, das Ei der Börsenzyklen und der Rat, Aktien zu kaufen, Schlaftabletten zu nehmen und jahrelang nicht hinzusehen. Alle drei stehen in diesem Porträt auf dem Prüfstand aktueller Daten – mit Ergebnissen, die Kostolany so nicht alle erzählt hätte.

    Dieses Porträt schließt unsere Serie über große Investoren ab, nach Michael Burry, Charlie Munger, Peter Lynch, Benjamin Graham und George Soros. Es erzählt ein Leben zwischen Totalverlust und Jahrhundert-Coup, hält die Legenden gegen die Belege und zeigt, was von den Modellen übrig bleibt.

    Kostolanys berühmtestes Bild stammt aus seinem letzten Buch, Die Kunst, über Geld nachzudenken: Ein Mann geht mit seinem Hund spazieren. Der Hund läuft voraus, kehrt um, bleibt zurück, schnüffelt, holt wieder auf – und am Ziel kommen beide an. Der Mann ist die Wirtschaft, der Hund ist die Börse. Kurse können sich auf Monate und Jahre von der Wirtschaft entfernen, aber nicht auf Dauer. Wie gut das Bild trägt, zeigen die US-Daten seit 1970, dem Jahrzehnt, in dem Kostolanys deutsche Lehrjahre begannen.

    S&P 500 und nominales US-BIP seit 1970, indexiert und logarithmisch: die Börse auf das 74-fache, die Wirtschaft auf das 29-fache, das Verhältnis zwischen 0,35 und 2,58
    Der S&P 500 und das nominale US-BIP seit 1970, auf den gemeinsamen Start indexiert. Quelle: Investing.com, BEA/FRED, eigene Berechnung

    Die Richtung teilen sich Hund und Herrchen tatsächlich, und das Pendeln ist dramatischer, als das Gleichnis klingt: Von Anfang 1973 bis Ende 1996 lief die Börse ununterbrochen hinter der Wirtschaft her, im Sommer 1982 hatte der S&P 500 nur gut ein Drittel des Weges geschafft, den das BIP nach den Daten der US-Statistiker zurückgelegt hatte. Ende 1999 war der Hund auf das 1,8-fache des Herrchen-Weges vorausgeprescht, Anfang 2009 wieder auf 0,59 zurückgefallen. Seit Ende 2012 läuft er nur noch voraus. Ende 2025 steht das Verhältnis bei 2,58 – weiter weg vom Herrchen als jemals seit 1970. Der S&P 500 hat sich seit 1970 auf das 74-fache vervielfacht, die US-Wirtschaft auf das 29-fache. Das Pendeln erklärt Kostolanys Bild. Dass der Hund über ein halbes Jahrhundert fast dreimal so weit läuft wie sein Herrchen, erklärt es nicht: Höhere Bewertungen, gestiegene Gewinnmargen und Rückkäufe kommen in dem Gleichnis nicht vor. Beide Befunde stehen nebeneinander.

    Kostolanys Markttheorie passte in eine Zeile: „Meine einfache Börsenformel lautet: Börsentendenz = Liquidität + Psychologie.“ Mittelfristig entscheiden für ihn die Geldversorgung und die Stimmung der Anleger, erst langfristig die Unternehmensgewinne. Steigende Zinsen schlagen in dieser Denkweise mit Verzögerung auf die Kurse durch, in seinen Worten spätestens nach neun bis zwölf Monaten. Und weil Psychologie die zweite Hälfte der Formel stellt, rechnet die Börse nie den direkten Weg: „An der Börse ist zwei mal zwei niemals vier, sondern fünf minus eins“, lautet sein meistzitierter Satz – die Rechnung geht auf, aber selten ohne den Umweg.

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    Wem die Papiere gehören, war für Kostolany wichtiger als jede Nachricht. Er teilte die Anleger in zwei Lager: die Hartgesottenen, die Geld, Geduld und eigene Gedanken mitbringen, und die Zittrigen, die unter dem Druck der Stimmung kaufen und in der Panik verkaufen. „Beim Tiefstand an der Börse haben die Hartgesottenen die Papiere und die Zittrigen das Geld.“ Daraus baute er sein Zyklusmodell, das als Ei des Kostolany in die Seminarliteratur einging: Jede Hausse und jede Baisse läuft in drei Phasen – Korrektur, Begleitung, Übertreibung.

    Das Ei des Kostolany: Hausse und Baisse in je drei Phasen mit Kaufzone am Tiefpunkt und Verkaufszone am Höchstpunkt
    Das Ei des Kostolany mit den sechs Phasen des Börsenzyklus. Quelle: André Kostolany, Die Kunst, über Geld nachzudenken (2000); Darstellung Investing.com

    Gekauft wird in der Abwärtsübertreibung und der ersten Korrektur nach oben, verkauft in der Aufwärtsübertreibung und der ersten Korrektur nach unten. Steigende Umsätze bei steigenden Kursen sind im Ei ein Warnsignal, weil die Papiere dann von den Hartgesottenen zu den Zittrigen wandern. Das Modell ist ein enger Verwandter des Pendels der Marktzyklen, das Howard Marks Jahrzehnte später beschrieb. Ein Timing-Signal mit Datum liefert es nicht: Welche Phase gerade läuft, zeigt sich zuverlässig erst im Rückblick.

    André Kostolany wurde am 9. Februar 1906 in Budapest geboren, als viertes Kind eines Spirituosenfabrikanten, die jüdische Familie war katholisch getauft. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte und wollte Kunstkritiker werden; der Vater schickte ihn 1924 stattdessen zur Lehre zu einem befreundeten Börsenmakler nach Paris. Dort stellte sich der junge Mann auf die Seite, die ihn berühmt machen sollte: die Baisse. Ende der 1920er spekulierte er auf fallende Kurse, im Pariser Crash von 1930 wurde er nach eigener Darstellung „über Nacht“ wohlhabend. Ein Jahr später kam die Quittung: Als das Hoover-Moratorium die Reparationszahlungen stundete und die Kurse nach oben rissen, verlor er sein gesamtes Vermögen und saß auf Schulden. Es folgte, wieder nach eigener Erzählung, der Leerverkauf des Zündholz-Imperiums von Ivar Kreuger, das 1932 zusammenbrach. Depotauszüge aus diesen Jahren hat niemand je geprüft.

    1940, kurz vor dem deutschen Einmarsch in Paris, floh Kostolany über Spanien in die USA und führte in New York rund zehn Jahre eine kleine Finanzierungsgesellschaft. Anfang der 1950er kehrte er nach Paris zurück, später kamen München und die Côte d’Azur dazu.

    André Kostolany auf einen Blick:

    • Geboren am 9. Februar 1906 in Budapest, gestorben am 14. September 1999 in Paris
    • 1924 Lehre an der Pariser Börse, 1940 Flucht in die USA, ab den 1950ern wieder Paris
    • Ab 1964 Kolumnist der Capital: 414 Kolumnen bis zu seinem Tod, dazu 13 Bücher
    • 1971 Mitgründer der Münchner Vermögensverwaltung Fiduka, mit Gottfried Heller; ab 1974 über hundert Börsenseminare
    • Nach eigener Darstellung zweimal pleite und zeitweise mehrfacher Millionär – belastbare Zahlen existieren nicht

    Sein größter Coup ist typisch für das Quellenproblem: Nach dem Krieg kaufte Kostolany in Paris deutsche Auslandsanleihen für 250 Franc das Stück – zerbombte Schuldner, totgesagte Papiere. Einige Jahre später standen sie bei 35.000 Franc, dem 140-fachen. Der historische Rahmen stimmt: Das Londoner Schuldenabkommen von 1953 erkannte die deutschen Vorkriegsschulden an und machte aus den Altanleihen wieder bediente Papiere. Die Kaufkurse, die Stückzahl und der Gewinn stammen allein aus Kostolanys Erzählung.

    Die großen Stationen von Kostolanys Spekulantenleben und ihre Beleglage: vier nach eigener Darstellung, dokumentiert nur die Warnung vor dem Neuen Markt 1999
    Die großen Stationen von Kostolanys Spekulantenleben und ihre Beleglage. Quelle: Kostolanys Bücher (eigene Darstellung), Presseberichte zum Neuen Markt

    Nur die letzte Station seiner Bilanz ließ sich in Echtzeit beobachten. 1999 saß der 93-Jährige in einer NDR-Talkshow neben Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid und nannte den Neuen Markt ein Spiel mit gezinkten Karten: „Es wird ein Blutbad geben.“ Das Publikum lachte. Der Nemax 50 erreichte im März 2000 sein Hoch bei 9.666 Punkten, fiel bis Oktober 2002 auf gut 300 Punkte – rund 97 Prozent Verlust – und die Deutsche Börse schloss das Segment 2003. Kostolany erlebte davon nichts mehr: Er starb im September 1999, ein halbes Jahr vor dem Hoch.

    Das amerikanische Gegenstück, die Dotcom-Blase, kostete den Nasdaq 78 Prozent und 15 Jahre bis zur Erholung.

    Sein bekanntester Rat ist sinngemäß überliefert: eine Palette erstklassiger internationaler Aktien kaufen, Schlafmittel nehmen und die Papiere jahrelang nicht ansehen. Wer aufwacht, sei reich. Der Rat lässt sich testen, strenger als Kostolany ihn je formuliert hat: an allen 20-Jahres-Zeiträumen des S&P 500 seit 1928, inklusive Dividenden.

    Annualisierte Rendite aller 79 rollierenden 20-Jahres-Zeiträume im S&P 500 seit 1928 inklusive Dividenden: kein Fenster negativ, Spanne 2,4 bis 17,7 Prozent pro Jahr
    Die annualisierte Rendite aller 79 rollierenden 20-Jahres-Zeiträume im S&P 500 seit 1928. Quelle: Damodaran (NYU Stern), FRED, eigene Berechnung

    Keines der 79 Fenster endet im Minus, auch nach Abzug der Inflation nicht. Das ist die halbe Wahrheit, die den Rat trägt. Die andere Hälfte: Die Spanne reicht von 2,4 bis 17,7 Prozent pro Jahr. Wer Ende 1928 kaufte, am Vorabend der Weltwirtschaftskrise, kam nach 20 Jahren mit real 0,6 Prozent pro Jahr heraus – geschlafen, durchgehalten, fast nichts verdient. Und wer statt 20 nur zehn Jahre liegen bleibt, hat keine Garantie mehr: 5 der 89 Zehnjahresfenster enden nominal im Minus, zuletzt die Fenster mit den Endjahren 2008 und 2009. Der Schlaf schützt vor Dummheiten, die Dauer entscheidet über das Ergebnis.

    Geld verdiente Kostolany mit der Börse, berühmt wurde er mit dem Reden darüber. Ab 1964 schrieb er die letzte Seite der Capital, 414 Kolumnen bis zu seinem Tod. Seine 13 Bücher erschienen in acht Sprachen; die Verkaufszahlen kursieren je nach Zählung zwischen drei und dreizehn Millionen Exemplaren – schon die Bilanz seiner Bücher hat zwei Fassungen. 1971 gründete er mit Gottfried Heller die Münchner Vermögensverwaltung Fiduka, ab 1974 füllte er mit den Kostolany-Börsenseminaren über hundert Säle. Heller, ein Vierteljahrhundert sein Partner, hat die Sprüche gesammelt, die aus den Seminaren Volksgut wurden: Für die Börse brauche es, frei nach Moltke, die vier G – Geld, Gedanken, Geduld und Glück. Das vierte G unterschlagen seine Zitierer am liebsten.

    Im letzten Jahrzehnt seines Lebens legte sich der alte Mann mit der eigenen Branche an: gegen Garantiefonds, gegen Derivate für Kleinanleger, am Ende gegen den Neuen Markt. Der Spötter mit der Fliege war in der Sache kompromisslos – Hedgefonds nannte er eine hundertprozentige Irreführung der Anleger.

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    Die Formel zuerst: Auf Sicht von Monaten bewegen Geld und Stimmung die Kurse, auf Sicht von Jahrzehnten die Gewinne – wer beides auseinanderhält, verwechselt eine Korrektur nicht mit einem Urteil über die eigene Anlage. Dann die Zittrigen-Frage: Nicht ob eine Nachricht gut ist, entscheidet, sondern in wessen Händen die Papiere liegen; steigende Umsätze in einer steigenden Börse sind im Ei ein Verkaufs-, kein Kaufsignal. Der Schlaftabletten-Test gibt dem berühmtesten Rat recht, aber nur für die lange Strecke: 20 Jahre Haltedauer waren im S&P 500 seit 1928 nie negativ, zehn Jahre schon. Und zuletzt die Lektion, die Kostolany unfreiwillig selbst liefert: Börsengeschichten ohne Belege bleiben Geschichten – seine eigene Bilanz besteht fast ganz daraus.

    André Kostolany ist der einzige Porträtierte dieser Serie ohne messbare Bilanz – und zugleich der Mann, bei dem eine Generation deutscher Anleger die Börse gelernt hat. Seine Erzählungen von 1930, 1931 und dem Anleihen-Coup lassen sich nicht prüfen; seine letzte Warnung vor dem Neuen Markt hat sich vor Zeugen erfüllt. Zwei seiner Denkmodelle bestehen den Datentest bis heute: Der Hund pendelt tatsächlich um sein Herrchen, und 20 Jahre Schlaf waren im US-Index noch nie ein Verlustgeschäft. Derselbe Test zeigt auch, was die Gleichnisse verschweigen: Der Hund ist seinem Herrchen heute weiter voraus als jemals seit 1970, und das schlechteste Schlaftabletten-Fenster brachte real fast nichts ein. Wer Kostolanys Regeln anwendet, sollte beides kennen – die Rechnung, die sie bestätigt, und die Stelle, an der sie heute stehen.

    Wer war André Kostolany?

    Ein 1906 in Budapest geborener Spekulant, Kolumnist und Autor, der ab 1924 an der Pariser Börse arbeitete, 1940 in die USA floh und nach dem Krieg von Paris und München aus zur bekanntesten Börsenstimme des deutschsprachigen Raums wurde. Er schrieb 414 Capital-Kolumnen und 13 Bücher und starb 1999 in Paris.

    Was bedeutet Kostolanys Vergleich mit dem Mann und dem Hund?

    Der Mann ist die Wirtschaft, der Hund die Börse: Die Kurse laufen voraus oder bleiben zurück, aber die Richtung gibt die Wirtschaft vor. An US-Daten seit 1970 stimmt das Pendeln – das Verhältnis der beiden schwankte zwischen 0,35 und 2,58. Das Gleichnis verschweigt, dass der Hund über die ganze Strecke fast dreimal so weit lief wie sein Herrchen.

    Was ist das Ei des Kostolany?

    Sein Zyklusmodell: Jede Hausse und jede Baisse durchläuft drei Phasen – Korrektur, Begleitung, Übertreibung. Gekauft wird in der Abwärtsübertreibung und der ersten Erholung, verkauft in der Euphorie und der ersten Korrektur. Steigende Umsätze bei steigenden Kursen gelten im Modell als Warnsignal.

    Was sind Hartgesottene und Zittrige?

    Kostolanys zwei Anlegertypen. Hartgesottene haben Geld, Geduld und eigene Gedanken; Zittrige kaufen unter dem Druck der Stimmung und verkaufen in der Panik. Am Tiefpunkt der Börse liegen die Papiere bei den Hartgesottenen und das Geld bei den Zittrigen – am Hoch ist es umgekehrt.

    Wie reich war André Kostolany?

    Das weiß niemand. Belastbare Zahlen zu seinem Vermögen existieren nicht, kursierende Schätzungen stammen aus keiner prüfbaren Quelle. Nach eigener Darstellung war er zweimal pleite und zeitweise mehrfacher Millionär; sein größter Gewinn, das 140-fache mit deutschen Auslandsanleihen, ist nur durch seine eigene Erzählung überliefert.

    Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Alle Angaben basieren auf historischen Daten und Quellen, die sich jederzeit ändern können.

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