Am 8. und 9. Oktober kamen auf der Finance Executive Nexus in München rund 250 Finance-Führungskräfte zusammen, um aktuelle Herausforderungen und ihre Erfahrungen zu diskutieren. Strategic Leadership Environments, Executive Dialog Sessions und kuratierte Matchmakings boten dafür den Rahmen. Andrea Legath, Chefredakteurin des Haufe Finance Office, war auch vor Ort und sprach mit den Teilnehmenden über verlässliche Daten, zukunftsfähige Systemlandschaften und neue Kompetenzprofile. Hier berichtet sie von ihren Eindrücken.
KI ist Teil der Reise, nicht ihr Ausgangspunkt
Bemerkenswert war, dass das Buzzword Künstliche Intelligenz in den Keynotes und Dialogue Rooms weniger im Rampenlicht stand als erwartet. Stattdessen rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie Transformation überhaupt gelingen kann. Selbst Teilnehmende, die mit ihrer Finance-Organisation bei der Transformation weit fortgeschritten sind, beschrieben den Einsatz von KI noch als frühe Entwicklungsphase.
Die zentrale Botschaft lautet: KI kann ihren Nutzen nicht isoliert entfalten. Wie in einem Orchester müssen Daten, Prozesse, Systeme und Menschen zusammenspielen. Vor Ort entstand der Eindruck, dass derzeit vor allem die Daten noch verstimmt sind.
KI ersetzt weder gute Prozesse noch eine verlässliche Datenbasis. Sie verstärkt vielmehr, was bereits funktioniert.
Vier Grundlagen wurden als entscheidend für eine erfolgreiche Transformation genannt:
- Verlässliche Datenbasis: Daten müssen konsistent, verfügbar und von ausreichender Qualität sein.
- Harmonisierte Prozesse: Durchgängige und standardisierte Abläufe schaffen die Grundlage für Automatisierung.
- Angepasstes Kontrollumfeld: Wenn KI in Prozesse eingreift, müssen Kontrollen, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten überprüft werden.
- Passendes Kompetenzprofil: Teams brauchen Daten- und Digitalkompetenz, die Finance und IT verbindet und sie befähigt, KI zu steuern und kritisch zu hinterfragen.
Ebenso wichtig ist die Wirtschaftlichkeit. Unternehmen brauchen Transparenz über die Gesamtkosten und einen messbaren Nutzen. Entscheidend ist nicht allein, was technisch möglich ist, sondern ob KI wirklich nachweisbaren Mehrwert schafft.
Die eigentliche Führungsaufgabe besteht also momentan darin, Technologie, Organisation und Menschen zusammenzubringen, ohne neue Komplexität zu schaffen.
Der Tool-Flickenteppich bleibt eine Herausforderung
Unsere vielen Einzellösungen sind inzwischen ein eigener Unternehmens-Zoo.
Eine weitere zentrale Herausforderung im Finance ist der Tool-Flickenteppich. Viele Unternehmen arbeiten mit gewachsenen Einzellösungen, Inselsystemen und manuellen Übergaben. Selbst im größeren Mittelstand bleiben ergänzende Excel-Lösungen vielerorts unverzichtbar. Eine Führungskraft beschrieb die gewachsene Systemlandschaft anschaulich: „Unsere vielen Einzellösungen sind inzwischen ein eigener Unternehmens-Zoo.“
Dies erschwert durchgängige Prozesse, Automatisierung und belastbare Analysen. Gleichzeitig bindet sie Kapazitäten, die Finance und Controlling für Steuerung und Beratung einsetzen könnte. Die Anschaffung einer weiteren isolierten Anwendung wird also wohl kaum die Lösung darstellen. Es geht vielmehr um eine abgestimmte Systemlandschaft, verlässliche Daten und klare Verantwortlichkeiten.
Die Rollen heißen oft gleich, doch der Job dahinter ist ein anderer
Viele Finance-Rollen tragen noch dieselben Bezeichnungen, doch die Aufgaben dahinter verändern sich. Macher-Mentalität und Veränderungsbereitschaft gewinnen ebenso an Bedeutung wie technische Fähigkeiten und End-to-End-Verantwortung. Das reine Aufbereiten von Zahlen tritt stärker in den Hintergrund; gefragt sind die fachliche Einordnung und die Fähigkeit, daraus fundierte Schlussfolgerungen abzuleiten.
Keine Angst vor Jobverlust wegen KI
durch KI ersetzt sehen oder dies befürchten. Vielmehr wurden fundiertes Finance-Fachwissen und die menschliche Komponente weiterhin als unverzichtbar eingeschätzt. Fachwissen und Erfahrung bilden die Grundlage, um wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, Kennzahlen richtig einzuordnen und automatisierte Analysen oder KI-generierte Ergebnisse kritisch zu prüfen. Daten- und Digitalkompetenz ersetzen dieses Wissen nicht, sondern ergänzen es.
Mit dem Wandel der Aufgaben und Verantwortungsbereiche verändern sich auch die Anforderungen an Führung. Führungskräfte müssen Orientierung geben, klare Prioritäten setzen und Verantwortungsräume schaffen, in denen Mitarbeitende Entscheidungen treffen und neue Arbeitsweisen erproben können. Zugleich gilt es, kontinuierliches Lernen zu fördern, Finance-, Daten- und IT-Kompetenzen im Team gezielt zu verbinden und die Zusammenarbeit über Bereichsgrenzen hinweg zu stärken.
